{"id":117,"date":"2007-05-24T11:29:44","date_gmt":"2007-05-24T09:29:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ich-bin-gastfreund.de\/blog\/?p=117"},"modified":"2007-05-24T20:50:23","modified_gmt":"2007-05-24T18:50:23","slug":"das-vermachtnis-des-generalsekretars","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.ich-bin-gastfreund.de\/blog\/?p=117","title":{"rendered":"Das Verm\u00c3\u00a4chtnis des Generalsekret\u00c3\u00a4rs"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Vor fast 50 Jahren, als ich als Student aus Afrika nach Minnesota, USA, kam, hatte ich viel zu lernen \u00e2\u20ac\u201c angefangen bei der Tatsache, dass es nicht ungew\u00f6hnlich ist, bei Minusgraden Ohrenw\u00e4rmer zu tragen. Mein ganzes Leben war seither ein Lernprozess. Jetzt m\u00f6chte ich <strong>f\u00fcnf<\/strong> Lektionen weitergeben, die ich in den zehn Jahren als <strong>Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen<\/strong> gelernt habe \u00e2\u20ac\u201c Lektionen, von denen ich glaube, dass sie die Staatengemeinschaft aufgrund der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts lernen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><!--more--><strong>Erstens<\/strong> sind wir alle in der heutigen Welt f\u00fcr die Sicherheit der anderen verantwortlich. Gegen Bedrohungen wie die Verbreitung von Atomwaffen, Klimawandel, globale Pandemien oder Terrorismus kann sich keine Nation absichern, indem sie versucht, eine Vormachtstellung gegen\u00fcber anderen zu erreichen. Nur indem wir auch anderen Sicherheit verschaffen, k\u00f6nnen wir auch f\u00fcr uns selbst dauerhafte Sicherheit erlangen. Diese Verantwortung beinhaltet auch, die Menschen vor V\u00f6lkermord, Kriegverbrechen, ethnischen S\u00e4uberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemeinsam zu sch\u00fctzen. Dies wurde von allen Staaten beim UN-Gipfel im vergangenen Jahr beschlossen. Aber wenn wir an die Menschen in Darfur denken, wie sie Mord, Vergewaltigung und Hunger erleiden, dann m\u00fcssen wir auch erkennen, dass solche Beschl\u00fcsse nur hohle Phrasen sind, wenn nicht diejenigen, die die Macht zur Intervention besitzen, bereit sind, die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen und politische, wirtschaftliche oder milit\u00e4rische Ma\u00dfnahmen zu treffen.<\/p>\n<p>Dies schlie\u00dft auch eine Verantwortung f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen ein, um die Ressourcen zu sch\u00fctzen, die ihnen wie auch uns geh\u00f6ren. Durch jeden Tag, an dem wir nichts oder zu wenig tun, werden f\u00fcr unsere Kinder etwa die Kosten f\u00fcr den Klimaschutz nur noch h\u00f6her.<\/p>\n<p><strong>Zweitens<\/strong> sind wir auch f\u00fcr das Wohlergehen des anderen verantwortlich. Ohne Solidarit\u00e4t gibt es keine stabile Gesellschaft. <strong>Es ist nicht sehr realistisch zu glauben, dass einige durch die Globalisierung weiter gro\u00dfe Gewinne erwirtschaften k\u00f6nnen, w\u00e4hrend Milliarden andere in tiefer Armut bleiben.<\/strong> Wir m\u00fcssen allen Menschen zumindest die Chance bieten, an unserem Wohlstand teilzuhaben.<\/p>\n<p><strong>Drittens<\/strong> h\u00e4ngen Sicherheit und Wohlstand vom Respekt vor den Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit ab. W\u00e4hrend der gesamten Menschheitsgeschichte, sind die Menschen durch Vielfalt bereichert worden und unterschiedliche Gemeinschaften konnten voneinander lernen. Wenn unsere Gemeinschaften in Frieden leben sollen, m\u00fcssen wir das betonen, was uns verbindet: unsere gemeinsame Menschlichkeit und die Notwendigkeit, menschliche W\u00fcrde und Rechte durch Gesetze zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das ist auch f\u00fcr die Entwicklung entscheidend. Sowohl Ausl\u00e4nder als auch B\u00fcrger eines Staates sind bereit f\u00fcr Investitionen, wenn ihre Grundrechte gesch\u00fctzt werden und sie wissen, dass sie von der Justiz fair behandelt werden. Eine Politik, die tats\u00e4chlich die Entwicklung f\u00f6rdert, wird auch eher angenommen, da die Menschen, die Entwicklung am dringendsten ben\u00f6tigen, ihre Stimme h\u00f6rbar machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Staaten m\u00fcssen sich an die Regeln halten, auch im zwischenstaatlichen Bereich. Keine Gemeinschaft leidet an zu viel Rechtsstaatlichkeit. Viele leiden an zu wenig davon und die internationale Gemeinschaft ist unter ihnen. Das m\u00fcssen wir \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Viertens<\/strong> m\u00fcssen deshalb Regierungen rechenschaftspflichtig f\u00fcr ihre Taten im internationalen wie im nationalen Rahmen sein. Jeder Staat schuldet einem anderem Staat eine gewisse Rechenschaft f\u00fcr Aktionen, die erhebliche Auswirkungen haben.<\/p>\n<p>So wie die Dinge stehen, werden arme und schwache Staaten einfach zur Verantwortung gezogen, weil sie ausl\u00e4ndische Hilfe ben\u00f6tigen. Aber gro\u00dfe und m\u00e4chtige Staaten, deren Aktionen die gr\u00f6\u00dften Auswirkungen auf andere haben, k\u00f6nnen nur durch die eigene Bev\u00f6lkerung im Handeln eingeschr\u00e4nkt werden.<\/p>\n<p>Das gibt der Bev\u00f6lkerung und den Institutionen m\u00e4chtiger Staaten eine besondere Verantwortung, die weltweiten Sichtweisen und Interessen zu ber\u00fccksichtigen. Auch m\u00fcssen sie heutzutage \u00e2\u20ac\u017enichtstaatliche Akteure\u00e2\u20ac\u0153 ber\u00fccksichtigen. Staaten k\u00f6nnen nicht l\u00e4nger \u00e2\u20ac\u201c wenn sie es denn jemals konnten \u00e2\u20ac\u201c globalen Herausforderungen alleine gegen\u00fcbertreten. Zunehmend brauchen sie die Unterst\u00fctzung von unz\u00e4hligen Verb\u00e4nden, denen sich Menschen freiwillig f\u00fcr einen bestimmten Nutzen anschlie\u00dfen oder in denen sie \u00fcber die Welt nachdenken und sie ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen Staaten sich gegenseitig zur Verantwortung ziehen? Nur durch multilaterale Einrichtungen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnftens<\/strong> m\u00fcssen aus diesem Grund diese Einrichtungen fair und demokratisch organisiert sein, um den Armen und Schwachen einen gewissen Einfluss auf die Aktionen reicher und starker Staaten zu geben.<\/p>\n<p>Entwicklungsstaaten sollten eine gewichtigere Stimme in internationalen Finanzinstitutionen haben, deren Entscheidungen Leben oder Tod f\u00fcr ihre Bev\u00f6lkerung bedeuten k\u00f6nnen. Auch sollte der UN-Sicherheitsrat, dessen Zusammensetzung die Realit\u00e4ten von 1945 und nicht die heutige Welt widerspiegelt, neue st\u00e4ndige oder Langzeitmitglieder erhalten.<\/p>\n<p>Alle Sicherheitsratsmitglieder m\u00fcssen \u00e2\u20ac\u201c was nicht weniger wichtig ist \u00e2\u20ac\u201c akzeptieren, dass aus ihrem Privileg Verantwortung folgt. Der Rat ist keine B\u00fchne zum Handeln aus nationalen Interessen. Er ist der Lenkungsausschuss unseres <strong>in den Kinderschuhen steckenden<\/strong> globalen Sicherheitssystems.<\/p>\n<p>Die Menschheit ben\u00f6tigt heute mehr als jemals ein funktionierendes globales System. Die Erfahrung hat immer wieder gezeigt, dass das System schlecht funktioniert, wenn seine Mitgliedstaaten gespalten und ohne F\u00fchrung sind, es aber viel besser funktioniert, wenn es <strong>Eintracht<\/strong>, <strong>weitsichtige F\u00fchrung<\/strong> und das <strong>Engagement<\/strong> aller gro\u00dfen Akteure gibt. Die Staats- und Regierungschefs von heute und morgen haben eine gro\u00dfe Verantwortung. Die V\u00f6lker der Welt m\u00fcssen zusehen, dass sie ihr gerecht werden.&#8220;<\/p>\n<p>Der Autor Kofi Anan war Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen. Seine Amtszeit endete am 31. Dezember 2006.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Vor fast 50 Jahren, als ich als Student aus Afrika nach Minnesota, USA, kam, hatte ich viel zu lernen \u00e2\u20ac\u201c angefangen bei der Tatsache, dass es nicht ungew\u00f6hnlich ist, bei Minusgraden Ohrenw\u00e4rmer zu tragen. Mein ganzes Leben war seither ein Lernprozess. 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