Martin, der Schuster

Diese wunderschöne Geschichte erzählt der russische Dichter Leo Tolstoi:

Es war einmal ein armer Schuster namens Martin, der lebte und arbeitete in einem dunklen Keller. Darin war nur ein kleines Fenster, durch das er die Menschen hin und her gehen sah. Eines Tages träumte Martin, dass ihn bald der liebe Gott besuchen werde. Sofort stand er auf und schrubbte und putzte und schmückte das ganze Haus und richtete allerlei Köstlichkeiten her, damit er seinen hohen Gast angemessen empfangen könne. Martin war ganz aufgeregt und lugte ständig durch sein kleines Kellerfenster auf die Straße, um den lieben Gott ja nicht zu übersehen.

Da sah er einen alten Straßenkehrer vorübergehen, dessen Schuhe kaputt waren. Sofort lud er ihn zu sich ein und reparierte ihm seine Schuhe. Etwas später ging eine junge Mutter mit ihrem Kind frierend über die Straße. Der Schuster bat sie, sich bei ihm aufzuwärmen und eine Suppe zu essen. Obendrein schenkte er ihr einen Mantel und Schuhe für das Kind. Schließlich sah er einen Jungen, der aus Hunger einen Apfel stahl. Kurzerhand bezahlte Martin beim Obsthändler die gestohlene Ware.

Da wurde es Abend, und der Schuster war traurig, dass der liebe Gott nicht wie versprochen gekommen war. So ging er enttäuscht zu Bett. In der Nacht hatte er wieder einen Traum, und dieselbe Stimme sprach zu ihm:“Schuster Martin, hast du mich nicht erkannt? Ich bin bei dir gewesen.“

„Wann? Wo?“, fragte Martin verduzt. Doch da sah er unter einer Laterne den alten Straßenkehrer stehen, daneben die junge Mutter mit ihrem Kind und auch den Jungen mit dem Apfel. Und mit einem Mal waren alle urplötzlich wieder verschwunden.

Anm.: Diese Geschichte habe ich aus dem Buch „Die 66 Tugenden der Sufis“ von Yan d`Albert entnommen, dass soeben erschienen ist.  Der Autor war so freundlich unser Projekt in seinem Buch zu erwähnen. Diese Geschichte von Schuster Martin ist der Tugend der Gastfreundschaft gewidmet.

2 Kommentare zu “Martin, der Schuster”

  1. Yan d'Albert
    Mai 31st, 2009 14:03
    1

    Hier in Ergänzung zu der schönen Story von Tolstoi das kompllette Kapitel aus meinem Buch DIE 66 TUGENDEN DER SUFIS – Yan d’Albert (Lüchow-Verlag, 2009, Stuttgart):

    32. Gastfreundschaft – Teilen

    arab.: tawadu´ (Teilen)

    Wenn ein Fremdling bei dir wohnt in eurem Lande, so solltet ihr ihn nicht bedrücken. Wie ein Einheimischer aus eurer eigenen Mitte soll euch der Fremdling gelten, der bei euch wohnt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.
    3. Mose 19,33-34

    Gebete und Waschungen führen uns den halben Weg zu Gott, Enthaltsamkeit bringt zu den Toren des Paradieses, aber Barmherzigkeit und Gastlichkeit öffnen die Tür und lassen uns ein.
    `Umar

    Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.
    Hebräerbrief 13,2

    Was man vor dem Gast versteckt, gehört dem Teufel.
    Abchasisches Sprichwort

    Das reichste Mahl ist freudenleer, wenn nicht des Wirtes Zuspruch und Geschäftigkeit den Gästen zeigt, dass sie willkommen sind.
    Friedrich von Schiller

    Gastfreundschaft bzw. Gastlichkeit und Teilen als Tugenden finden in der heutigen Literatur relativ wenig Erwähnung. Und dennoch sind sie unentbehrlich, denn wirkliche Gastfreundschaft (nicht automatisierte, pragmatische Gastlichkeit) ist gerade in unserem Zeitalter und in unseren Breiten so selten anzutreffen.
    Als Jüngling mit Anfang 20 und Freundin auf Tramp-Tour durch Griechenland hatten wir einst Gastfreundschaft in höchster Vollendung erlebt. Bekannte erzählten uns bereits vorher davon, wiesen aber gleichzeitig darauf hin, dass dies von manchen Tramps und „Hippies“ leider oft ausgenützt wird. Obwohl wir von vornherein keine Erwartungen hatten, wurden auch wir mit Gastfreundschaft nur so überschüttet. Wir erlebten eine Herzlichkeit bis zum Wehtun.
    Auch in der gesamten orientalischen Welt begegnen wir einer Gastfreundschaft von selbstverständlicher und großzügiger Natur, die vor allem in der islamischen Kultur, in Koran und Sunna wurzelt. Wir kennen diese nicht (mehr). So ist es nur zu hoffen, dass sich Menschen zusammen tun und Initiativen bilden, die diese Tugend wieder aufleben lassen, wie nachfolgende. Im Internet habe ich eine interessante Seite entdeckt mit dem hoffnungsvollen Namen http://www.ich-bin-gastfreund.de.
    Der Prophet Mohammed (s) sagte einst: „Wer an Allâh und den Jüngsten Tag glaubt, der ehre seinen Gast gebührend.“ Da fragten die Leute: „Was ist gebührend?“ Er antwortete: „Einen Tag und eine Nacht und Gastfreundschaft für drei Tage, und was darüber hinausgeht, ist sadaqa.“ … Selbst war er ein lebendes Beispiel eines gastfreundlichen Menschen. So hielt er auch die Gläubigen dazu an, gastfreundlich zu sein, dem Gast das anzubieten, was im Hause ist, auch wenn es nur ein Glas Wasser ist, ihn mit seinem Namen zu grüßen, für einen bequemen Platz zu sorgen und ihn beim Verabschieden bis zur Tür des Hauses hinauszugeleiten.
    In den Gathas, den Sufi-Lehren Hazrat Inayat Khans (r) für seine Schüler, wird tawadu´ auch als „Willkommen und Teilen“ definiert. Dieses geht noch über die Gastfreundschaft hinaus und bedeutet, gar alles, was frau/mann besitzt, teilen bzw. echten Herzens geben zu können. tawadu´ ist der Weg des Heiligen. Aber Gastfreundschaft zeigt sich nicht nur im Schenken materieller Dinge sondern auch in Worten, im Verhalten und Handeln. Die Sufis vergleichen die Gastlichkeit mit der Qualität des Elements Erde, welche in ihrem liebenden Umfangen für alle und alles offen ist.

    Meditation der Gastfreundschaft

    Fragen Sie sich: Bin ich gastfreundlich? Gilt meine Gastfreundschaft auch Fremden, Andersdenkenden oder Andersgläubigen? Was wäre ich bereit, zu geben? Würde ich einem wildfremden, bedürftigen Menschen Nahrung und Unterkunft geben, wenn er dessen bedürfte?

    Atemworte-Ãœbung

    Wer auch immer zu mir kommt, (einatmen)
    für mich ist es Dein Ruf. (ausatmen)
    Hazrat Inayat Khan

    Dhikr

    „Ya Rassâq, ya Rassâq, ya Rassâq” (= „O Du Bescherer, Versorger”)

  2. 11. September
    Dezember 6th, 2011 12:55
    2

    Lesenswert: 11.9. – zehn Jahre danach: Der Einsturz eines Lügengebäudes

Kommentar abgeben: